*1974, lebt und arbeitet in Köln
1994 - 2000, Staatliche Akademie der Bildenden Künste, Karlsruhe 


Was gibt es zu entgegnen und wem? - Christian Aberles Kunst wirkt auf den ersten Blick nicht wie das Œuvre eines Rebellen, sondern vielmehr in sich gekehrt. Ihre Nachricht an die Welt ist eher die eines konzentrierten, detailreichen Gestus. Prozesse der Transformation charakterisieren seine Bildästhetik - weniger als das Muss, welches alles Abbilden der Welt im Zweidimensionalen mit sich bringt, sondern als die Verwandlung von Sinn und Bedeutung. Stets ist das Gebrochene, das Unperfekte der Ausgangspunkt seiner aktuellen Arbeiten. Doch er belässt es nicht bei dem Versuch, zu reparieren, was vielleicht gar nicht repariert werden kann. Gefundene Formen und Gegenstände bewegen Christian Aberle zu einem perfektionistischen oder zumindest sehr bewussten Arbeiten im Abstrakten. Die Marginalie wird zu einer Linie oder einem Farbauftrag von großer Exaktheit. Man vermag die Bedeutung jener Details nicht zu benennen, aber sie ist da, nachvollziehbar und sichtbar in Aberles Werk. (...)

Sein Tun schließt an das anderer potenziell perfektionistisch arbeitender Künstler an. Wie Fra Angelico, Odilon Redon oder Lucien-Victor Guirand de Scévola flüchtet er in die unbenannten Flächen. Angelicos getropfte Muster auf Mauern, Redons Aquarelle, die den Schüler des detailverrückten Rodolphe Bresdin von des Meisters Ansprüchen befreiten oder aber die Hintergründe bei Guirand de Scévola, die einfach nur da sein müssen, wo der Blick doch manisch auf der Geometrie weiblicher Gesichter ruht. Allein, die vermeintlichen Fluchtwege ins Abstrakte sind keine, sie verschieben nur den Kontext. Plötzlich ist das Detail im Zentrum aller Aufmerksamkeit. So schafft auch Aberle abstrakte Strukturen, um in ihrer Ausführung dann doch eine neue Realität zu herzustellen, nur eine für die es noch keinen Namen gibt.

(Oliver Tepel, aus: Entgegnungen aller Art, Dynamite, Köln, 2018)

Christian Aberle ist in erster Linie Zeichner – und schließlich ein an der Erfahrung von Hard Edge geschulter Maler, der die Errungenschaften der Kunstgeschichte schätzt, um sie getrost hinter sich zu lassen. (…) [Er] balanciert souverän lächelnd zwischen Konstruktivismus, New York School und Nouveau Réalisme [und] betritt dabei neue, unausgetretene Wege. (…) Gerissene Papierschnipsel dienen dabei ebenso als Ausgangspunkt für Arrangements wie der Einsatz von Zeichenlinealen. (...) Es gilt, ein Raster erst anzulegen, um [dann wieder] daraus auszubrechen, [es] in ein beherbergendes Konstrukt zu überführen. (…)  [Die Arbeiten] sind bis auf wenige Ausnahmen abstrakt, und lassen sich doch vielfach als Bezüge zur Realität interpretieren, beispielsweise als Pseudo-Trompe-l’œils tatsächlicher Erscheinungen.
In den konzeptuellen [Arbeiten] Christian Aberles wohnen lebendige Geister.

(Elke Kania, aus dem Begleittext der Ausstellung 5 x 3, 2011)

In Christian Aberles zeichnerischem Werk gibt es unterschiedlichste Arbeiten zu entdecken: auf kleineren Formaten und mit minimalen Mitteln, oft wenig mehr als Buntstift oder Tusche, bewusst reduziert, heruntergebrochen auf das Wesentliche.
Ein Charakteristikum, das Christian gezielt ad absurdum führt, ist das Spiel mit der technischen Perfektion: Seine Zeichnungen sind altmeisterliche Blätter, in ihrer Handwerklichkeit perfekt ausgeführt - aber darum geht es überhaupt nicht. Es sind trotzige, der Zeit abgerungene, höchst kontrollierte Arbeiten. Christian schafft es in seinen Zeichnungen, abstrakte Dinge sichtbar, fast greifbar zu machen.
Worum geht es ihm?
Um das Dazwischen, um das eigentlich Unscheinbare, das Nebensächliche, das Andere. Um das, was bleibt, nachdem alles ja schon da war, alles schon gesagt wurde, gefragt wurde -  das, was man selbst für Bestand hält.

(Frauke Boggasch, aus: Wir leben nicht in der Zeit des Wolkenbruchs/eine Annäherung an die Zeichnungen von Christian Aberle, in: Dritte Hälfte, StrzeleckiBooks, Kön, 2013)

Christian Aberle nähert sich in seinen [Malereien] der Welt über die minutiöse Wahrnehmung der Dinge in ihr, belässt deren Beschreibung jedoch in der Schwebe zwischen Erkennbarkeit und Abstraktion. (...) In seinen ungegenständlichen Gemälden bezeugen ausgerissene Papierstreifen, Schablonen, Aussparungen das Etwas oder Nichts, das um sie herum oder zwischen ihnen existierte, definieren einen Raum, der sie umgibt, einen Zusammenhang, in dem sie sich befinden oder standen, ohne diesen wiederzugeben. (...) Aberle ist ein äußerst exakter Beobachter und stellt nicht in erster Linie dar, was etwas ist, sondern wie es ist.

(Birgit Laskowski, aus: Alifi My Larder, ZERO FOLD, Köln, 2010)

Ausstellungen

Eddy, 2022, LRRH_ Aerial, Düsseldorf (Einladungskarte)


Einzelausstellungen (Auswahl)

2022
Eddy, LRRH_ AERIAL, Düsseldorf
2021
Array Idle Film, ZERO FOLD, Köln
2019
Entgegnungen aller Art, Dynamite, Köln
2018
Strohdumme Pechvögel, Kunstraum K634, Köln
2016
Vernehmlich, PiK KunstWerk e.V., Köln
Doppig, mit Ruth Weigand, Galerie Barbara Oberem, Bremen
2013
Langeweile der Natur, Kjubh Kunstvereien e.V., Köln
2010
Alifi My Larder, ZERO FOLD, Köln
Masaki, Mehrwert e.V., Aachen
2008
Le Morceau Endormi, LE (9) BIS, St Etienne
2004
Herzausreißers, Galerie 14.1, Stuttgart,
2002
Plastic Passion, Galerie Margit Haupt, Karlsruhe

Gruppenausstellungen (Auswahl)

2023
Jahresgaben 2023, Leopold Hoesch Museum Düren
2022
La Strada_22, EVZK e.V., Köln
a-book-a-buy, Kjubh Kunstverein e.V., Köln
Johannes, Kjubh Kunstverein e.V., Köln
2020
Close Friends, Galerie b2, Leipzig
étalage /2 commerce sent, Mehrwert e.V., Aachen
LRRH_ Contribution, ZERO FOLD, Köln
2019
Fantasie ist nicht das richtige Wort, Werthalle, Köln
2018
Die Stadt dringt in das Haus, Simultanhalle/Moskauer Museum für Moderne Kunst
Sammlung mit losen Enden 03: 21. Jahrhundert - Akt 2, Kunsthaus NRW Kornelimünster, Aachen,
The Collection, FokiaNou Art Space, Athen
2017
Your Figure in the Carpet, ZERO FOLD, Köln
2016
Totale 19/out of shape, Maschinenhaus, Essen
2015
GROSSES TAMTAM, CASABAUBOU, Berlin
2014
And all together now, m29, Köln
Bien Merci, Wertheim, Köln
2013
Ende, Kunstverein für Mecklenburg und Vorpommern in Schwerin
Kaltes Licht, Kunstverein Reutlingen
Screening, Künstlerhaus Sootbörn, Hamburg
Shift, ZERO FOLD, Köln
2012
Eyetrap, Sidestreets, Nicosia
Old News, Kunst im Taut Haus Berlin
2011
5 x 3, KUNSTRAUM Düsseldorf
After, ZERO FOLD, Köln
State of the Union, Freies Museum, Berlin
2010
Disclosure, Temporary Gallery, Köln
Private BLINd cave, Kunst im Taut Haus, Berlin
2009
Grafikpreis des Landes Nordrhein-Westfalen, Kunsthaus NRW Kornelimünster, Aachen, Odradek, Westwerk, Hamburg
2008
Dinge die sich gefallig krümmen, galerie KUB, Leipzig
2007
Horizont, Gmür, Berlin
2006
The Truth tut Gut, Montgomery, Berlin
2000
Klasse Caramelle, Ausstellungshalle 1A, Frankfurt
1998
Gangbang, Galerie Margit Haupt, Karlsruhe

Videoscreenings, Veranstaltungen & Projekte

Spare Punctuation Videoscreening, 2022, Filmpalette, Köln
Video: Tamara Lorenz, Clink, DE 2022, Video, Sound, 2'47''

Veranstaltungen & Projekte (Auswahl)

2023
Dj-Set, Wolfgang-Hahn-Preis, Museum Ludwig, Köln
Soundset, Lange Nacht der Museen, Leopold-Hoesch-Museum Düren
2022
Grüne Moderne. Die neue Sicht auf Pflanzen, Dj-Set, Museum Ludwig, Köln
Spare Punctuation, Videoscreening, Vinyl-Release, Filmpalette, Köln
2021
Sound-Collagen POLE POSITIONS  – Brigitte Dunkel
2020
Strzelecki Books TV /Books und Musik aus dem Wohnzimmer, Video
seit 2015
Dj Sets, Langer Donnerstag, Museum Ludwig, Köln, u.a.:
MEET THE TEAM, 2023, Sampling: Wade Guyton, 2019, Joan Mitchell and Friends, 2016, ...
2021, 2019, 2017, 2015, 2013, 2011 & 2010
tombola, Kjubh Kunstvereien e.V., Köln
2014
ISSMIJA (mit Paula Straube), Screening & Party, K 5 Nightclub, Kunsthaus Rhenania
2011
Disillusioned Once More (mit Carmen Beckenbach), Screening & Dj Set, Le Kiosk /ZKM, Karlsruhe
Dritte Hälfte Release, Buchvorstellung, Präsentation & Dj Set, Heidelberger Kunstverein
Dritte Hälfte Release, Buchvorstellung & Präsentation, Desaga Galerie, Köln
Über den Geist in der Materie, Vortrag & Slideshow, Glasmoog, Köln
2008
Wir lieben gar nicht die Stürme (mit Carmen Beckenbach), Super 8 Screening & Dj Set, Le Kiosk /ZKM, Karlsruhe
2006
Von Ameisen und Dünen (mit Carmen Beckenbach), Super 8 Screening, Live-Soundpiece & Dj Set, Erdbeermund, Karlsruhe

Videoscreenings (Auswahl)

Sur Real, 2009, Manzara Perspectives Tatar BeyiKuledebi Mah, Istanbul
Concours International des Arts Numériques, 2008, Val d'Argent
Streaming Festival, 2008, Den Haag
Transvizualia, 2008, Danzig
Areale, Sculpture@CityNord videoLAB, 2008, Hamburg
Video Arte e Arte Interativo, 2006, UERGS, Montenegro
Viper Film Festival, 2006, Basel
Bochumer Videofilmfestival, 2000
Ovar Videofestival, 2000

Ausstellungskonzeptionen

Bien Merci, 2014, Wertheim, Köln, Ausstellungsansicht
Arbeiten von Doris Frohnapfel, Ralf Schuster, Johannes Stricker


Cube-Präsentationen (mit Daniela Görgens), ongoing, LRRH_ Aerial, Düsseldorf
Interim No.4, Bernhard Deckert, 2020, Artist's Portraits, ZERO FOLD, Köln
LRRH_ Contribution, (mit Daniela Görgens), 2020, LRRH_ & ZERO FOLD, Köln
Fantasie ist nicht das richtige Wort, 2019, Werthalle, Köln
Bien Merci (mit Carmen Strzelecki), 2014, Wertheim, Köln
Shift, 2013, ZERO FOLD, Köln
Disclosure (mit Daniela Görgens), 2010, Temporary Gallery, Köln
Quint & Giddens, 2009, Galerie KUB, Leipzig
We Are All Young Diamonds (mit Alexander Krause), 2000, Club Tropica, Karlsruhe

Ort

HD-Video, DE 2022, Video, Sound, 6'52'', Ausstellungsansicht
La Strada_22, Europäischer Verein für zeitgenössische Kunst e.V., Köln, Sept 2022


Wenn ich draußen bin, gehe ich gerne mit gesenktem Blick. Am Boden gibt es Vieles, das ich aufregend finde und das mich inspiriert. Dabei fand ich das Material für den ersten und dritten Teil von Ort. Ich nenne diese Abschnitte Verwirrung und Eschatologie. Dazwischen gibt es die Passage Okkultismus & Leere. In allen meinen Arbeiten geht es darum, aus Fragmenten Entitäten zu erzeugen. Meistens suche ich einen Ausdruck von Schlichtung und Ausgleich - in diesem Video ist es anders. Es ist meine Art, mein Unbehagen über die politische und soziale Gegenwart mitzuteilen. Die Menschen überbeanspruchen die Welt, wir driften in unseren Ansprüchen und Ansichten immer mehr auseinander und finden uns in Entfremdung und Sprachlosigkeit wieder – daher die dystopische Grundstimmung des Films.

Als ich auf einer Straße, deren Belag ungefähr so alt ist, wie ich selbst, unzählige, mit Bitumen geflickte, Risse im Asphalt erblickte, musste ich sofort an den gestaltenden Texturstrich in der chinesischen Tuschemalerei, genannt cun, denken. Es gibt eine große Anzahl dieser Striche; sie heißen beispielsweise verzettelter Fimmel, abgewickelte Hanffaser und zerrissenes Netz. Ich folgte dem Verlauf jeder einzelnen Bitumen-Linie mit der Handy-Kamera.
Sie implizieren eine gewisse Lesbarkeit und ich versuchte, mir vorzustellen, wie sie als Gespräch klingen könnten. Eine solche Zwiesprache habe ich aus einem Fragment eines von Melas Eichhorn gesprochenen Texts generiert. Beide Tonspuren laufen rückwärts, so tauchen zwischen abstrakten Lautäußerungen lediglich die Begriffe "nasty" und "shit" auf (vorwärts "Bild sein" und "Tisch"). Der gesprochenen Text wird schließlich von einem Musikstück abgelöst, das ich aus dem Schlussakkord von Shirley Collins' The Merry Golden Tree entwickelt habe.

Mit dem akustischen, findet auch ein markanter optischer Wechsel statt. Die ornamentale Flächigkeit des ersten Teils wird überlagert von einem fluiden Lichtraum, in dem das Ornament nach kurzer Zeit völlig verschwindet. Dieser Ort könnte ein Innen- oder Außenraum, Architektur oder eine Fata Morgana sein. Tatsächlich ist es die Aufnahme einer Lichterscheinung an der Zimmerdecke meines Arbeitsraums. Die geometrische Strenge des Raums im Verhältnis zu seiner organischen Oberfläche wirken unwirklich; ebenso der begleitende Sound. Neben eigenen Field Recordings der letzten Jahre habe ich die Stimmen von Melas Eichhorn, Genesis Breyer P. Orrigde und Mutsumi Kanamori verwendet. Der gesprochene Text ist: "Tisch, Wand, Raum, Bild, Bild sein", "nothing" /"you´re funny" und "it was scary".

Die Melodie, die zum letzten Teil überleitet, habe ich aus dem Schlussakkord der Song to the Siren-Version von This Mortal Coil konstruiert. Während die Melodie allmählich in das unverständliche Stammeln von Diamanda Galás und Genesis Breyer P. Orrigde  übergeht, erscheint immer deutlicher die Negativ-Aufnahme einer Wiese. Mehrere Dutzend Löwenzahn-Pflanzen wiegen sich kaum merklich im schwachen Wind. Dieses Bild löst sich schließlich in einer grau-karierten Fläche auf - einer leeren Ebene. Akustisch endet der Film mit dem Sound-Effekt Aufruhr aus der LP Desasters, Lauten des Erschreckens von Sophie Rois und John Cage, der sagt: "global living without war". Welcome to Utopia…

(Christian Aberle)

 Eddy

Ausstellungsansicht, 2022, LRRH_ Aerial, Düsseldorf


Die Flut von Signifikanten und willkürlichen Zeichen, nicht nur in unserer Gesellschaft, sondern auch in der Kunst, geht einher mit dem Verschwinden von Objekten. Christian Aberle verbringt seine Zeit am liebsten damit, Objekte herzustellen und dabei das Spiel mit der technischen Perfektion ad absurdum zu führen. In seinen Arbeiten richtet sich der Kölner Künstler stets an die Welt und ihre Maßstäbe, aber auch an sich selbst und sein Tun.

Christian Aberles Zuneigung für die langwierige Herstellung physischer Dinge führte dazu, dass er die ursprünglich als C-Prints geplante Serie Eddy von Hand malte. Nach ersten Versuchen auf Leinwand, entschied er sich letztendlich für Nylon als Bildträger und malte die Bespannung für sechs Flugdrachen. Sie haben die Form, die jedes kleine Kind zeichnet, wenn es einen Drachen abbilden will. Dieser Prototyp-Drache heißt Eddy, benannt nach seinem Erfinder William A. Eddy (1896 – 1962).
Die sechs Rautendrachen der Serie lassen sich zu einem Objekt verbinden. Die Außenkante, die dabei entsteht, ähnelt einer Granate, einem Plug oder einem Wappen. Diese Kontur wiederum taucht Kompositions-bestimmend in jedem der sechs Drachen auf. Das Durcheinander passiver Linien, die aussehen wie Faltspuren, sind die Verbindungen aller Ecken jedes Drachen mit allen andern. Diese Struktur ist angefüllt mit feinen Modulationen in farblich klar getrennten Zonen. Die Schwänze aus flirrender Borte sind im Vergleich dazu puffig. In diesem Zusammenhang – Drachenschwänze sind kein rein dekoratives Element, sie stabilisieren den Flug – und Eddy #1 - 6 sind absolut flugfähig. Der Gedanke, diese der Zeit abgerungenen, höchst kontrollierten Malereien tatsächlich den Launen des Winds auszusetzen, ist dennoch aufregend.

Array Idle Film

Ausstellungsansicht, 2021, ZERO FOLD, Köln


"I went sadly" bedauert der Pionier des Zeichentrickfilms und Meister auch des schwarzen Humors, der sich in diesem Anagramm verbirgt und mit dem Christian Aberle der Hang zur Perfektion verbindet. Im Array Idle Film, den Aberle in seiner Installation bei ZERO FOLD abspult, bringt der Künstler Papierbögen wie Einzelbilder eines Films in eine gereihte Anordnung, montiert diese Sequenzen jedoch ohne eine feste Chronologie oder Ablaufrichtung neben- und übereinander auf die Wand und sogar in den Raum, auf eine mehreckige Säule. Dieser Verzicht auf eine vorgegebene Lesbarkeit oder Bedeutungshierarchie kennzeichnet auch die Materialwahl: In alte Karopapiere, zum Beispiel aus DIN A4 Schulheften, die seine Mutter seit den 1970er Jahren aus Sparsamkeit zur Wiederverwendung gesammelt hat, schneidet Aberle mit einem Teppichmesser filigrane Konturen, in die Intarsien aus gefundenen Bildreproduktionen auf Papier nahtlos und beinahe als solche nicht mehr wahrnehmbar eingefügt werden.

Der Fundus, aus dem die integrierten Schnipsel stammen, umfasst beispielsweise alte
Disney-Publikationen, ein Michael Jackson-Fanheft, ein Kunstbuch von Cezanne oder Renoir oder die Einlagen sind einfach Restmaterialien älterer Collagen und kolorierter Frottagen – mitunter recycelt aus dem Atelier-Abfall. Wie in den historischen Intarsien aus Holz oder anderen Werkstoffen spielt der Künstler mit Trompe-l’œil-Effekten, die Einfügungen erfolgen mit so viel handwerklicher Raffinesse, dass eine malerische Anmutung entsteht oder man das Ergebnis mit einer Collage verwechselt, bei der Appliziertes nicht mehr von Unterlegtem unterscheidbar ist.

Die Unperfektheit der alten, teils vergilbten Trägerpapiere konterkariert mit härteren
Eigenfarben der jüngeren integrierten Papiere, das Auge erfasst eine wechselseitige
Verstärkung der individuellen Qualitäten und Interferenzen der Farben Weiß mit Gelbstich, bzw. Violettanteil. Ebenso stehen die Alterungsspuren, Anrisse, Verfärbungen und Verschmutzungen der Ausgangbögen im Gegensatz zu den exakten Anordnungen, die darin neu entstehen. Dabei wird hier quasi frei mit dem Teppichmesser gezeichnet, das Skalpell als Stift geführt: Der Schnitt folgt locker den Wendungen der Hand, nicht nur den Konturen des Vorgefundenen und bewegt sich dabei zwischen minutiöser Sorgfalt und Kontrollverlust. Winzige Unregelmäßigkeiten verhindern die Erstarrung und halten die Details lebendig, verleihen den neuen Kompositionen Musikalität.

Auch ein Anagramm entsteht durch das Auseinanderschneiden der Worte in ihre einzelnen Buchstaben, die in ihrer Neukombination andere Bedeutung annehmen, und so ist selbst der Ausstellungstitel eine kreative Wiederbelebung: Er recycelt den Titel der ersten Präsentation des Künstlers bei ZERO FOLD in 2010 – Alifi my Larder, der seinerseits eine lautmalerische Strophe aus Robert Wyatts Song Alifib aus 1974 zitierte.

Ob in der Kunst oder Musik: Zeitgenössisches künstlerisches Arbeiten impliziert immer ein Wiederverwerten und neu Interpretieren. So wie beim Schreiben eines Songs wird hier eigenes und vorhandenes Material gesampelt, erfährt einerseits ein tarnendes, den ursprünglichen Kontext verbergendes Merging und lässt sich andererseits – wo es in den Papierarbeiten von Christian Aberle den (allerdings trügerischen) Effekt des Durchlugens durch die Oberfläche gibt – hin und wieder als Zitat erkennen, bzw. poppt im kurzen Erlebnis eines Déjà-vu als parasitäre, lediglich verpflanzte Einheit hervor. 

Der vorherige Kontext des wiederverwendeten Materials wird umgedeutet und bleibt gleichzeitig in der Vorstellungskraft erhalten. Der Blick erkennt in den ausgeschnippelten Buchstaben und Abbildungsversatzstücken die Statthalter für angeschnittene Themen, Erzählungen und Bildwelten, die sich fortsetzen lassen mithilfe des eigenen Kopfkinos.

(Birgit Laskowski, Pressetext zur Ausstellung)


Man muss schon sehr genau hinsehen, will man die feinen Unterschiede bemerken, die das multimediale Werk von Christian Aberle in seiner Essenz ausmachen. Im Vorfeld seiner Ausstellung Array Idle Film im Projektraum ZERO FOLD etwa befasst sich der 1974 in Eberbach am Neckar geborene Künstler nach eigener Aussage intensiv mit der "starken Ästhetik des Papiers". In Köln ist Aberle kein Unbekannter, hat er sich doch neben zahlreichen Präsentationen seines Werks bei kjubh e. V. und Dynamite oder durch DJ-Auftritte etwa im Museum Ludwig einen Namen gemacht. Gerade ist Aberles erste fiktionale Erzählung Nächstes Mal komme ich zu dir in den Dreck erschienen, veröffentlicht vom Kölner Verlag Strzelecki Books.

Bei der gemeinsamen Begehung des winzigen Ausstellungsraums in der Albertusstraße, strategisch günstig und fast exakt zwischen Walther König und Bittner gelegen, folgt man dem einfühlsamen Blick des vielseitigen Künstlers, der das Banale ins Besondere verwandelt. Die Begeisterung, mit der Aberle den Betrachter an die verschiedenen Papiersorten heranführt, lenkt die Aufmerksamkeit auf die kaum wahrnehmbaren Nuancen der herkömmlich weiß bezeichneten Papiersorten. Aberle erklärt, wie er durch das Nebeneinanderlegen zweier Blätter den ästhetischen Eigenwert ihrer Grundtöne entdeckte. Fasziniert von ihrer kontrastierenden Farbintensität setzte er den altersbedingten Gelbstich einer Papiersorte gegen den fliederfarbenen Grundton einer anderen, der "plötzlich violett leuchtete".
Bei näherer Betrachtung der in der Installation auf einer leichten, zwischen Decke und Fußboden gespannten Papiersäule angebrachten Einzelblätter zeigt sich ein minutiöses, ja mikroskopisches Handwerk: Sie erweisen sich als aufwändig gefertigte Einlegearbeiten aus kleinsten Komponenten, geschöpft aus losen Schnipseln, Karo- oder Millimeterpapier und alten Comic-Heften.

Das "Auseinanderschneiden und Zusammensetzen entspricht meiner Weltsicht, denn ich finde es gut, verschiedene Dinge zu kombinieren, die nicht zusammenpassen." So hat Aberle beispielsweise einzelne Quadrate eines Karopapiers ausgeschnitten und durch verschiedene Augenpaare der drei Neffen von Donald Duck ersetzt, die frech aus den entstandenen Öffnungen blitzen. Für manche seiner Intarsien zerteilt Aberle Seiten alter Comichefte nun derart, dass er den umlaufenden Rahmen der Seite — unter Aussparung der enthaltenen erzählenden Felder — freilegt und ins Bild setzt, also zur bildgebenden formalen Struktur werden lässt, ebenso die trennenden Grate zwischen den Einzelbildern des Comics. Damit wird die vormalige Darstellung zur Leerstelle und die Zwischenräume, rein grafische Gliederungselemente, beinahe zeichenhaft in den Vordergrund gerückt.

Solche Umbildungen kommen im Werk von Aberle häufig vor. In ihnen erfährt das Ausgesparte, Freigelassene eine gleichwertige Behandlung, Grund und Figur durchdringen sich in seiner Malerei ebenso wie Positiv- und Negativformen, An- und Abwesenheit. Bekanntem, Banalem wird auch in seinen Monotypien aus in Tusche getränkten Tempo-Taschentüchern eine neue Perspektive eröffnet. Ebenso wie in der spielerischen Kombinatorik seiner Anagramme. Hier erprobt Aberle sezierend systematisch die entstehenden Freiräume — Räume für Umdeutungen — und stellt die Reihenfolge jener unverkennbaren Lettern der Unterschrift von Walt Disney selbstbewußt um: I went sadly.

Die vorgefundenen Dinge bilden stets den materiellen und motivischen Rahmen, der zugleich Aberles schöpferischer Spielraum ist. Die künstlerische Aneignung von Minderwertigem mit bescheidenen Mitteln interessiert ihn mehr als Ultra-Design. Dieser Ansatz verbindet ihn mit den Künstler*innen Geta Brătescu und Paul Thek. Sein Ziel ist es, Material und Textur darzustellen: "Ich speise mich aus dem Abseitigen, etwas Beeinträchtigten, Verletzlichen, Organischen, Echten." Für sein Schaffen benutzt er stets "eine gefundene Vorlage, die am Liebsten irgendeinen Twist hat." Diesen Twist kann die Scherbe einer Tasse, ein ausgerissenes Stück Papier, ein Spinnennetz, ein Baugerüst, aber auch die Spiegelung im Waschbecken seines Frisörs aufweisen.
Durch die formale Sparsamkeit, den Minimalismus seiner Kompositionen erlangen Aberles Formen eine Eigenständigkeit als konkrete Einheiten. Aus dem Gesamtzusammenhang gelöst, begegnen sie uns als isolierte Versatzstücke der Realität, so dass sich immer wieder die Frage stellt: Was ist das eigentlich? Formal und inhaltlich macht Aberle wenige Vorgaben. Er füllt die Leerstellen nicht, sondern, im Gegenteil, macht sie sichtbar.

Zum Schluss erzählt Aberle, dass viele Betrachtende irritiert reagieren, sich mit der Uneindeutigkeit seines Werks alleingelassen fühlen. Der Künstler selbst ist dabei entspannt. "Die Unsicherheit, die ich mit meiner Kunst verbreite, kann ich gut aushalten."

(Bettina Haiss, Papierschnipselpoesie. Ein Portrait des Kölner Künstlers Christian Aberle, Stadtrevue Köln, Ausgabe: 5 /2021)