Close Friends, 2020, Galerie b2_, Leipzig


Entgegnungen aller Art, 2019, Dynamite, Köln

Entgegnungen aller Art, 2019, Dynamite, Köln

Entgegnungen aller Art, 2019, Dynamite, Köln


Fantasie ist nicht das richtige Wort, 2019, Werthalle, Köln

Die Stadt dringt in das Haus, 2018, Simultanhalle/Moscow Museum of Modern Art

Strohdumme Pechvögel, 2018, Kunstraum K634, Köln

Doppig, 2016, Galerie Barbara Oberem, Bremen

Totale, 2016, Maschinenhaus, Essen

Ohne Titel, 2016, keramische Wandarbeit, permanente Installation, Wohnhaus Köln

Vernehmlich, 2016, PiK, Köln


Kaltes Licht, 2013, Kunstverein Reutlingen

ENDE, 2013, Kunstverein Schwerin

Langeweile der Natur, 2013, Kjubh e.V., Köln

Langeweile der Natur, 2013, Kjubh e.V., Köln

Malerei, & Grafik, 2012, S.Y.L.A.NTENHEIM/Kunstversorgungsquartier Bonn


Shift, 2012, ZERO FOLD, Köln

After, 2011, ZERO FOLD, Köln


5 x 3, 2011, Kunstraum Düsseldorf

Alify My Larder, 2010, ZERO FOLD, Köln

Dinge die sich gefällig krümmen, 2008, galerie KUB, Leipzig

The Truth Tut Gut, 2006, Montgomery, Berlin

Array Idle Film, 2021, ZERO FOLD, Köln

Array Idle Film

26. März –15. Mai 2021
ZERO FOLD, Albertusstraße 4, 50667 Köln

ZERO UNFOLD, kleines Gespräch mit Künstler Christian Aberle über Perfektionismus und Kollaboration (Vimeo)



"I went sadly" bedauert der Pionier des Zeichentrickfilms und Meister auch des schwarzen Humors, der sich in diesem Anagramm verbirgt und mit dem Christian Aberle der Hang zur Perfektion verbindet. Im Array Idle Film, den Aberle in seiner Installation bei ZERO FOLD abspult, bringt der Künstler Papierbögen wie Einzelbilder eines Films in eine gereihte Anordnung, montiert diese Sequenzen jedoch ohne eine feste Chronologie oder Ablaufrichtung neben- und übereinander auf die Wand und sogar in den Raum, auf eine mehreckige Säule. Dieser Verzicht auf eine vorgegebene Lesbarkeit oder Bedeutungshierarchie kennzeichnet auch die Materialwahl: In alte Karopapiere, zum Beispiel aus DIN A4 Schulheften, die seine Mutter seit den 1970er Jahren aus Sparsamkeit zur Wiederverwendung gesammelt hat, schneidet Aberle mit einem Teppichmesser filigrane Konturen, in die Intarsien aus gefundenen Bildreproduktionen auf Papier nahtlos und beinaheals solche nicht mehr wahrnehmbar eingefügt werden. Der Fundus, aus dem die integrierten Schnipsel stammen, umfasst beispielsweise alte Disney-Publikationen, ein Michael Jackson-Fanheft, ein Kunstbuch von Cezanne oder Renoir oder die Einlagen sind einfach Restmaterialien älterer Collagen und kolorierter Frottagen – mitunter recycelt aus dem Atelier-Abfall. Wie in den historischen Intarsien aus Holz oder anderen Werkstoffen spielt der Künstler mit Trompe-l'œil-Effekten, die Einfügungen erfolgen mit so viel handwerklicher Raffinesse, dass eine malerische Anmutung entsteht oder man das Ergebnis mit einer Collage verwechselt, bei der Appliziertes nicht mehr von Unterlegtem unterscheidbar ist. DieVergilbung der Trägerpapiere konterkariert mit härteren Eigenfarben der jüngeren integrierten Papiere, das Auge erfasst eine wechselseitige Verstärkung der individuellen Qualitäten und Interferenzen der Farben Weiß mit Gelbstich, bzw. Violettanteil. Ebenso stehen die Alterungsspuren, Anrisse, Verfärbungen und Verschmutzungen der Ausgangbögen im Gegensatz zu den exakten Anordnungen, die darin neu entstehen. Dabei wird hier quasi frei mit dem Teppichmesser gezeichnet, das Skalpell als Stift geführt: Der Schnitt folgt locker den Wendungen der Hand, nicht nur den Konturen des Vorgefundenen und bewegt sich dabei zwischen minutiöser Sorgfalt und Kontrollverlust. Winzige Unregelmäßigkeiten verhindern die Erstarrung und halten die Details lebendig, verleihen den neuen Kompositionen Musikalität. Auch ein Anagramm entsteht durch das Auseinanderschneiden der Worte in ihre einzelnen Buchstaben, die in ihrer Neukombination andere Bedeutung annehmen, und so ist selbst der Ausstellungstitel eine kreative Wiederbelebung: Er recycelt den Titel der ersten Präsentation des Künstlers bei ZERO FOLD in 2010 – Alifi My Larder, der seinerseits eine lautmalerische Strophe aus Robert Wyatts Song Alifib aus 1974 zitierte. Ob in der Kunst oder Musik: Zeitgenössisches künstlerisches Arbeiten impliziert immer ein Wiederverwerten und neu Interpretieren. So wie beim Schreiben eines Songs wird hier eigenes und vorhandenes Material gesampelt, erfährt einerseits ein tarnendes, den ursprünglichen Kontext verbergendes Merging und lässt sich andererseits – wo es in den Papierarbeiten von Christian Aberle den (allerdings trügerischen) Effekt des Durchlugens durch die Oberfläche gibt – hin und wieder als Zitat erkennen, bzw. poppt im kurzen Erlebnis eines Déjà-vusals parasitäre, lediglich verpflanzte Einheit hervor. Der vorherige Kontext des wiederverwendeten Materials wird umgedeutetund bleibt gleichzeitig in der Vorstellungskraft erhalten. Der Blick erkennt in den ausgeschnippelten Buchstaben und Abbildungsversatzstücken die Statthalter für angeschnittene Themen, Erzählungen und Bildwelten, die sich fortsetzen lassen mithilfe des eigenen Kopfkinos.

Birgit Laskowski, Text zur Ausstellung

Organisch (14), 2021, Papierintarsie, 29,7 x 21 cm


Papierschnipselpoesie

Ein Portrait des Kölner Künstlers Christian Aberle
Stadtrevue Köln, Ausgabe: 5/2021

Man muss schon sehr genau hinsehen, will man die feinen Unterschiede bemerken, die das multimediale Werk von Christian Aberle in seiner Essenz ausmachen. Im Vorfeld seiner Ausstellung Array Idle Film im Projektraum ZERO FOLD etwa befasst sich der 1974 in Eberbach am Neckar geborene Künstler nach eigener Aussage intensiv mit der "starken Ästhetik des Papiers". In Köln ist Aberle kein Unbekannter, hat er sich doch neben zahlreichen Präsentationen seines Werks bei kjubh e. V. und Dynamite oder durch DJ-Auftritte etwa im Museum Ludwig einen Namen gemacht. Gerade ist Aberles erste fiktionale Erzählung Nächstes Mal komme ich zu dir in den Dreck erschienen, veröffentlicht vom Kölner Verlag Strzelecki Books.
Bei der gemeinsamen Begehung des winzigen Ausstellungsraums in der Albertusstraße, strategisch günstig und fast exakt zwischen Walther König und Bittner gelegen, folgt man dem einfühlsamen Blick des vielseitigen Künstlers, der das Banale ins Besondere verwandelt. Die Begeisterung, mit der Aberle den Betrachter an die verschiedenen Papiersorten heranführt, lenkt die Aufmerksamkeit auf die kaum wahrnehmbaren Nuancen der herkömmlich weiß bezeichneten Papiersorten. Aberle erklärt, wie er durch das Nebeneinanderlegen zweier Blätter den ästhetischen Eigenwert ihrer Grundtöne entdeckte. Fasziniert von ihrer kontrastierenden Farbintensität setzte er den altersbedingten Gelbstich einer Papiersorte gegen den fliederfarbenen Grundton einer anderen, der "plötzlich violett leuchtete".
Bei näherer Betrachtung der in der Installation auf einer leichten, zwischen Decke und Fußboden gespannten Papiersäule angebrachten Einzelblätter zeigt sich ein minutiöses, ja mikroskopisches Handwerk: Sie erweisen sich als aufwändig gefertigte Einlegearbeiten aus kleinsten Komponenten, geschöpft aus losen Schnipseln, Karo- oder Millimeterpapier und alten Comic-Heften.
Das "Auseinanderschneiden und Zusammensetzen entspricht meiner Weltsicht, denn ich finde es gut, verschiedene Dinge zu kombinieren, die nicht zusammenpassen." So hat Aberle beispielsweise einzelne Quadrate eines Karopapiers ausgeschnitten und durch verschiedene Augenpaare der drei Neffen von Donald Duck ersetzt, die frech aus den entstandenen Öffnungen blitzen. Für manche seiner Intarsien zerteilt Aberle Seiten alter Comichefte nun derart, dass er den umlaufenden Rahmen der Seite — unter Aussparung der enthaltenen erzählenden Felder — freilegt und ins Bild setzt, also zur bildgebenden formalen Struktur werden lässt, ebenso die trennenden Grate zwischen den Einzelbildern des Comics. Damit wird die vormalige Darstellung zur Leerstelle und die Zwischenräume, rein grafische Gliederungselemente, beinahe zeichenhaft in den Vordergrund gerückt.
Solche Umbildungen kommen im Werk von Aberle häufig vor. In ihnen erfährt das Ausgesparte, Freigelassene eine gleichwertige Behandlung, Grund und Figur durchdringen sich in seiner Malerei ebenso wie Positiv- und Negativformen, An- und Abwesenheit. Bekanntem, Banalem wird auch in seinen Monotypien aus in Tusche getränkten Tempo-Taschentüchern eine neue Perspektive eröffnet. Ebenso wie in der spielerischen Kombinatorik seiner Anagramme. Hier erprobt Aberle sezierend systematisch die entstehenden Freiräume — Räume für Umdeutungen — und stellt die Reihenfolge jener unverkennbaren Lettern der Unterschrift von Walt Disney selbstbewußt um: I went sadly.
Die vorgefundenen Dinge bilden stets den materiellen und motivischen Rahmen, der zugleich Aberles schöpferischer Spielraum ist. Die künstlerische Aneignung von Minderwertigem mit bescheidenen Mitteln interessiert ihn mehr als Ultra-Design. Dieser Ansatz verbindet ihn mit den Künstler*innen Geta Brătescu und Paul Thek. Sein Ziel ist es, Material und Textur darzustellen: "Ich speise mich aus dem Abseitigen, etwas Beeinträchtigten, Verletzlichen, Organischen, Echten." Für sein Schaffen benutzt er stets "eine gefundene Vorlage, die am Liebsten irgendeinen Twist hat." Diesen Twist kann die Scherbe einer Tasse, ein ausgerissenes Stück Papier, ein Spinnennetz, ein Baugerüst, aber auch die Spiegelung im Waschbecken seines Frisörs aufweisen. 
Durch die formale Sparsamkeit, den Minimalismus seiner Kompositionen erlangen Aberles Formen eine Eigenständigkeit als konkrete Einheiten. Aus dem Gesamtzusammenhang gelöst, begegnen sie uns als isolierte Versatzstücke der Realität, so dass sich immer wieder die Frage stellt: Was ist das eigentlich? Formal und inhaltlich macht Aberle wenige Vorgaben. Er füllt die Leerstellen nicht, sondern, im Gegenteil, macht sie sichtbar. 
Zum Schluss erzählt Aberle, dass viele Betrachter irritiert reagieren, sich mit der Uneindeutigkeit seines Werks alleingelassen fühlen. Der Künstler selbst ist dabei entspannt. "Die Unsicherheit, die ich mit meiner Kunst verbreite, kann ich gut aushalten."

Bettina Haiss